Übersicht

Die genaue Betrachtung dschihadistischer Bilder und Videos offenbart eine große Vielfalt unterschiedlicher textlicher, verbaler und visueller Gestaltungsmittel und Zeichen. Gruppen und Bewegungen wie der ‚Islamische Staat‘ artikulieren ihren Anspruch auf Hegemonie auch über eine Vereinnahmung und Aneignung bekannter Codes und Symbole, Darstellungsmuster und Medienformate. Trotz der prinzipiellen Mehrdeutigkeit weisen sie den Symbolen eindeutige und ihrer Ideologie entsprechende Interpretationen zu. Eine solche Aneignung lässt sich in bewegten und unbewegten Bildern ebenso nachweisen wie in der Verwendung von Poesie und Gesang. Dschihadisten kreieren so nicht nur eine mediale Erlebniswelt im Internet, sondern konstruieren eine spezifische Realität, die weit über das World Wide Web hinaus wirkt.

In der vielgestalten Kultur des Web 2.0 stellen das extremistische Angebot und seine Verbreitung nicht bloß eine politische und gesellschaftliche Herausforderung dar. Dschihadistische Werbung und Imagination zirkulieren im Internet in sozialen Medien und Messengerdiensten und werden keinesfalls passiv rezipiert, sondern sind selbst Gegenstand der Aneignung. Sympathisierende schließen ebenso wie Kritikern*innen, Künstler*innen, muslimische Laien und Geistliche im Rahmen eines komplexen Kommunikationsprozesses aktiv an diese kommunikativen Angebote an. Sie greifen selbst Teile davon auf, transformieren diese oder setzen dschihadistischen Versuchen der Vereinnahmung und Vereindeutigung eigene Interpretationen entgegen.

Die erste internationale Konferenz der Nachwuchsforschergruppe Dschihadismus im Internet: Die Gestaltung von Bildern und Videos, ihre Aneignung und Verbreitung am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nimmt dies zum Anlass, das Spannungsfeld zwischen extremistischen Angeboten, ihren Darstellungsformen und Ästhetiken sowie den unterschiedlichen Formen der Aneignung ins Zentrum zu rücken. Wir möchten Expert*innen und Interessierte aus unterschiedlichen Fachbereichen für einen facettenreichen Austausch zusammenzubringen, um das Phänomen des audiovisuellen Dschihadismus in seiner Komplexität umfassend einzuordnen. Wir werden dabei die akustische Dimension dschihadistischer Videos in den Blick nehmen, die filmischen Mittel, ihre gestalterischen Momente und rhetorischen Potenziale fokussieren und künstlerische Auseinandersetzungen mit diesen Kommunikaten vorstellen. Zudem werden theoretische und methodische Zugänge zur Erforschung der dschihadistischen Erlebniswelt im Internet diskutiert.